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Dr. Karina Esmailzadeh
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[04.2004] Dr. Karina Esmailzadeh

Gabriele Martin

„Ich kann mich aber auch durch singen und tanzen in einen besonderen Bewußtseinszustand hinein versetzen. Dann denke ich nicht mehr malerisch, wie gelernt, und wie ich es zuweilen ganz bewusst tue, sondern ich fühle malerisch und der Malvorgang erfolgt dann ganz automatisch. Dies macht mich tief zufrieden und die gefühlten Malergebnisse meist ebenso.
Meine gedachten Bilder haben ihre Berechtigung, aber nicht diese Kraft und sie interessieren mich weit weniger.“
( Gabriele Martin im April 2004 zu ihrem künstlerischen Schaffen )

Gabriele Martins künstlerische Laufbahn beginnt vor circa 20 Jahren.
Als Bauzeichnerin ist sie geübt im Umgang mit zeichnerischen Mitteln, der sich jedoch nach exakten Vorgaben richtet, detailliert, gegenstandsgebunden ist, funktionell. In dieser Zeit erwacht ihr Interesse an freien malerischen Übungen.

Zunächst entstehen geometrische Figuren und Farbfelder fein abgestufter Modulationen in kleinen Formaten. Hierzu gesellen sich bald rhythmische Farb- Formgebilde, die aus dem Spannungsverhältnis von gestischer Zeichnung und ausgewogenen Farbklängen Kraft schöpfen.

Neben diesen frühen expressiven Arbeiten finden sich auch solche, die einen eher konstruktiv analytischen Ansatz verfolgen: die sinnliche Zeichnung wird innerhalb des Bildes mit streng begrenzten, auf ihren Tonwert reduzierten Farbrechtecken konterkariert, die in verschiedenen Größen und Tonalitäten Farbgewichtung erproben.

In dieser experimentellen Phase steht neben Abstraktem auch Figürliches. Frausein und Selbstbewusstsein sind Anfang der 90er Jahre Lebensthemen der Künstlerin, die in der „stabilen Hocklage“ und „ungediäteten Weiblichkeit“ als Höhepunkte derzeitiger figurativer Ansätze ihren metaphorischen Ausdruck finden.

Nicht abbildhaft, vielmehr wesenhaft muten diese lebensgroßen Bildnisse an, deren massive Präsenz nicht allein durch Haltung und Körperfülle der Figuren, sondern zu einem wesentlichen Teil durch die Verdichtung von Formen und Farben gewährleistet ist, die hier ein starkes Eigenleben entfalten, sich emanzipieren.

Vom Augenfälligen zum Wesenhaften, vom wohlüberlegten Einsatz der Formen und Farben als Stilmittel hin zu ihrer Autonomie war es nunmehr ein kleiner Schritt zur authentischen Selbstaussage, den Psychogrammen individueller Befindlichkeiten, ohne durch vorreflektierte Planung den Fluss der motorisch wirkenden Kreativität zu stören.

Die neueren abstrakt expressiven Kompositionen Gabriele Martins lassen verschiedene Ansätze differenzieren:

Hier gibt es informelle Malereien aus raschen, scheinbar planlos gesetzten Pinselstrichen- ein Rausch ekstatischer Farbkörper: schwebend, tänzelnd, zerfließend oder bedächtig sich Gegenständlichem annährend. Diese Art Kompositionen reflektiert in Kolorit und Duktus am unmittelbarsten die spezielle Seelenlage der Künstlerin, ihre Gefühle.

Daneben finden wir landschaftlich anmutende Bilder, die Weite suggerieren, Wasser und Himmel, einen Weg, landschaftliche Erhebungen, die - in jedem Fall- Ordnung erkennen lassen.

n diesen Bildern beweist Gabriele Martin einmal mehr ihr sinnliches Verhältnis zur Farbe, indem sie möglichst viele Facetten herausarbeitet:
Farbe „lasierend, ganz zart sich überlagernd, durchscheinend“ aufträgt, „abperlend von glatt hergestellten Flächen; mit dem Pinselstiel in die nasse Farbe hineinkratzt, um darunter liegende Farben wieder hervorzuholen, mit einzubeziehen; pastos mit breitem Pinsel aufträgt, am liebsten mit Pinselstrichen in Armlänge“ auf am Boden liegenden großen Leinwänden agiert, um so mit vollem Körpereinsatz ihre Stimmung einzubringen.

In diesen Bildern schlägt Gabriele Martin lyrische Farbakkorde an, welche die unterschiedliche Dichte und Raumdimension der Farben erklingen lassen, sie in Schwingung versetzen.

Gabriele Martin zieht Register des abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei.
Die skriptuale Komponente des Informel steht neben objektivierbaren Farbananlysen.
Kandinskys lyrische Farbrhythmik, Drippings, wirre Lineaturen, massive Farbgesten und action painting sind hier ebenso stilbildende Kriterien wie die energetische Kraft der Farben, ihre Tiefenwirkung und Lichtpotenz.

Bei aller Verbundenheit zur Tradition behauptet sich jedoch letztlich der autobiographische Charakter dieser Arbeiten.

Besonders markant für die aktuelle Schaffensperiode der Künstlerin ist eine größere Werkgruppe runder Formen von mystisch- meditativer Symbolik:

Da sind zum einen Kreise: in ihrer geometrischen Form geschlossene oder aufgebrochene Meditationsdiagramme und Zeichen der Einheit von Geist und Seele, Bewusstem und Unbewusstem, von Verwurzelung und Aktivität, in ihrer Konzentration bzw. Offenheit sensibel durch entsprechende Farbsymbolik untermalt.

Da sind andererseits eher organisch anmutende , blüten- oder fruchtähnliche Formen als sinnbildliche Relikte des Weiblichen wie Brüste, Nabel, Vagina, die in ihrer kernigen, knospenden Mitte unbändiges Wachstum und Lebenskraft suggerieren: reife Früchte des Sommers, in welchen geometrische und lyrische Abstraktionsformen mit der dionysischen Grundstimmung der Künstlerin verschmelzen.

Es sind insbesondere diese Formen, die als Essenz bisherigen Schaffens überzeugen:
sinnbildlicher Ausdruck weiblichen Empfindens, künstlerischen Persönlichkeitszentrums und kosmisches Symbol in einem.

Dr. Karina Esmailzadeh
April 2004

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Gabriele Martin

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